GbP 1-2017 Gine Elsner

Viskose macht verrückt

Buchbesprechung von Paul David Blanc: „Fake Silk. The Lethal History of Viscose Rayon“

Paul David Blanc: »Fake Silk. The Lethal History of Viscose Rayon«, Yale University Press, New Haven / London 2016, 309 Seiten, ISBN-13: 978-0300204667

Viskose ist ein Naturprodukt. Sie wird aus Holzfasern gemacht. »Nachhaltig« ist das Zauberwort, das uns ein gutes Gefühl gibt, wenn wir Viskosekleidung kaufen. Mit diesem Statement beginnt Paul David Blanc, US-amerikanischer Arbeitsmediziner der University of California, San Francisco, seine Geschichte über »Fake Silk«.

Auf gut 300 Seiten beschreibt er die Katastrophe (die er vergleicht mit der bei Asbest oder bleihaltigen Farben), die darin besteht, dass seit Ende des 19. Jahrhunderts die Gesundheitsschäden bekannt sind. Doch die Gier nach »ökonomischem Profit« der »Gummibarone«, der »Kriegsgewinnler«, der »Staatskapitalisten« oder der heutigen »Globalplayer« hätte sich über diese Kenntnisse hinweggesetzt, so der Autor in seinem Vorwort.
Das Problem ist der Schwefelkohlenstoff, der als Lösemittel für die Viskoseherstellung benutzt wird. Ende des 19. Jahrhunderts wurde er allerdings zunächst für die Gummiproduktion verwandt (S. 8f.). Aus reinem Kautschuk lassen sich keine Autoreifen produzieren. Erst der Zusatz von Schwefel macht das Gummi geschmeidig. »Vulkanisation« wird dieser Vorgang genannt, für das die Briten das Patent bekamen. Paul D. Blancs historische Darstellung gilt zwar weltweiten Produktionen, aber Deutschland spielt in dem Buch eine besondere Rolle. Denn das Bestreben Deutschlands, unabhängig von (zum Beispiel) Kautschuk zu agieren, führte stets zu neuen Syntheseverfahren.

Was der Autor nicht mitteilt: Bereits 1902 erließ Graf von Posadowsky als Stellvertreter des Reichskanzlers von Bülow eine erste Arbeitsschutzverordnung bezüglich der Gefahren von Schwefelkohlenstoff: Ein Beschäftigter beim Vulkanisieren durfte nicht länger als zwei Stunden ununterbrochen und nicht länger als vier Stunden täglich insgesamt der Einwirkung von Schwefelkohlenstoff ausgesetzt sein.(1) Ferner wurden die Gesundheitsschäden durch Schwefelkohlenstoff 1925 in der Ersten Berufskrankheitenverordnung verankert.(2) Übrigens gegen das Votum von Fritz Curschmann, Fabrikarzt der Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation (Agfa) in Wolfen bei Bitterfeld. Es waren also alle Gesundheitsschäden durch Schwefelkohlenstoff bekannt: Nervenschäden, Lähmungen, Sensibilitätsstörungen, mentale Einschränkungen, Psychosen, depressive Symptome (mit Suiziden), Manien, Parkinson-Erkrankungen. Und schließlich ergab sich auch, dass Schwefelkohlenstoff Gefäßverkalkungen begünstigt mit Schlaganfällen und Herzattacken.

Paul D. Blanc ist ein Kenner der deutschen Fabrikationsstätten. Als nach Beginn des Ersten Weltkriegs die Viskoseproduktion einsetzte – Deutschland war interessiert an einem Ersatz für Seide und Baumwolle, denn hier gab es nur kratzende Wolle und groben Flachs –, sprossen die Fabriken aus dem Boden. Was das Buch so gut lesbar macht, ist, dass es keine trockene Abhandlung von Technologien und Chemieformeln ist, sondern anschaulich die Geschichte mit »Geschichten« erläutert. Der Autor zitiert (S. 71f.) Irmgard Keuns »Das kunstseidene Mädchen«.(3= Diese trägt (1932) Kleider aus »Bembergseide«(4) und einen Koffer aus »Vulkanfiber«. An Irmgard Keun (1910-1982), die bei uns lange vergessene Berliner Schriftstellerin, wurde kürzlich in Volker Weidemanns Bestseller erinnert,(5) der über ihre Emigration aus Nazi-Deutschland schrieb.

Während der NS-Zeit verwies Hans Reiter, der Präsident des Reichsgesundheitsamts 1939 auf die »neu errichteten Zellstofffabriken« und die »überall wirksamen Absaugungsanlagen«,(6) verwechselte allerdings – so Paul D. Blanc – Schwefelkohlenstoff mit Schwefelwasserstoff. Während des Zweiten Weltkriegs, als das Regime um Autarkie bemüht war, wurden Zwangsarbeiter in der Produktion eingesetzt und erlitten Vergiftungen durch Schwefelkohlenstoff (S. 141-146). Sie unterstanden natürlich nicht der deutschen Unfallversicherung, und von Absaugungen war auch keine Rede.

So ist die Geschichte des Schwefelkohlenstoffs eng mit Deutschland verbunden. Deshalb ist Paul D. Blancs Buch gerade hier so interessant. Es ist die Geschichte von Arbeitsschutz und Sozialpolitik in Deutschland, von deutschen Kapitalinteressen und von Ausbeutung der Zwangsarbeiter. Über Schwefelkohlenstoff wird auch im 21. Jahrhundert noch diskutiert. Denn er wird als Pflanzenschutzmittel gegen die Reblaus im Weinanbau benutzt.(7) So ist die Geschichte noch nicht ganz zu Ende.

 

Gine Elsner ist Arbeitsmedizinerin und war Direktorin des Instituts für Arbeitsmedizin am Universitäts-Klinikum der Universität in Frankfurt am Main.

 

Anmerkungen


1 Arbeitsschutz III, Nr. 2:1933, S. 28f.
2 Erste Verordnung über Ausdehnung der Unfallversicherung auf gewerbliche Berufskrankheiten vom 12. Mai 1925, RGBl I, S. 69
3 Irmgard Keun: »Das kunstseidene Mädchen«, Bergisch Gladbach 1980 [Erstveröffentlichung 1932]
4 Die Bemberg AG in Wuppertal produzierte seit 1901 Kunstseide.
5 Volker Weidemann: »Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft«, Köln 2015, 2. Aufl., S. 155f.
6 Hans Reiter: »Arbeitshygiene und Vierjahresplan«, in: Reichs-Gesundheitsblatt 14:1939, S. 332-336
7 Oliver Bock: »Bürokratie und Gesetze schützen den Schädling«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. November 2000

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Vom ÖGD zu New Public Health, 1/2017)


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