GbP 3-2017 Andreas Pernice

»Mensch achte den Menschen«

Über den Besuch der Gedenkstätte Hadamar im Rahmen von vdää on tour

»Mensch, achte den Menschen« – Diese Inschrift ist an der Gedenkstelle zu lesen, die 1964 auf dem Friedhof des psychiatrischen Landeskrankenhauses Hadamar aufgestellt und mit einer Ansprache von Pastor Martin Niemöller eingeweiht worden ist zur Erinnerung an die 15.000 Menschen, die hier im Nationalsozialismus im Rahmen der »Euthanasie«-Krankentötungen psychisch kranker und behinderter Menschen umgebracht worden sind. Diese Mahnung stand auch als implizites Motto über der Tagung des vdää vom 30. Juni bis 2. Juli dieses Jahres in der »Gedenkstätte Hadamar«, die es hier seit den 80er Jahren gibt. Nach dem Besuch der Villa der Wannsee-Konferenz 2013 und der Tagung in der »Führerschule der deutschen Ärzteschaft« in Alt-Rehse 2016 ist dies die dritte Reise zu einem der Orte, die mit den NS-Medizinverbrechen unmittelbar verknüpft sind. Es ging uns dabei um die Aufklärung über die historischen Zusammenhänge und Abläufe der staatlich organisierten Morde an so genanntem lebensunwerten Leben durch Ärzt*innen und Pflegekräfte, dann um die rudimentären Versuche einer juristischen und innerärztlichen Aufarbeitung in der Nachkriegszeit, und in einem dritten Teil um aktuelle medizinische Entwicklungen in der Pränataldiagnostik (»Eugenik von unten«?) und deren ethischen Konfliktdimensionen.

Der Kulturwissenschaftler Christoph Schneider von der Gedenkstätte führte uns in die komplexe historische Dynamik der Krankenermordung im NS ein. Anhand von Briefen, Fotos, Formularen und Listen wurde spürbar, welch umfangreicher logistischer und administrativer Aufwand getrieben werden musste, um die nach der Sitzung in der Tiergartenstr. 4 im Sommer 1939 beschlossene systematische Ermordung der aus Sicht der NS-Medizin lebensunwerten Kranken durch den »Gnadentod« in großer Zahl durchzuführen. Die zu tötenden Patient*innen wurden über Meldebögen, die allen ärztlichen Leitern der Heil- und Pflegeanstalten zugeschickt worden waren, bzgl. Diagnose, Verweildauer, Heilbarkeit, Arbeitsfähigkeit und »rassischer« Zugehörigkeit erfasst, diese wurden von dafür beauftragten Gutachter-Ärzten beurteilt (ein + bedeutet: für den Tod vorgesehen), dann über 1-2 so genannte Zwischenanstalten innerhalb weniger Tage mit den »grauen Bussen« in eine der sechs Tötungsanstalten verlegt. In Hadamar angekommen kamen die betroffenen Menschen zunächst von dem als Sichtabwehr fungierenden Bus-Schuppen über einen Hintereingang auf die Station, wurden noch einmal administrativ erfasst, fotografiert und von einem Arzt untersucht und letztmalig beurteilt (es gab Einzelfälle, die von diesem Arzt von der Ermordung zurückgestellt worden sind, weil er sie z.B. doch für arbeitsfähig hielt. Eine weitere Frage dieser Untersuchung war, ob es sich um einen »wissenschaftlich interessanten Fall« handele und das Gehirn anschließend für die weitere Forschung (Max-Planck-Institut Frankfurt) seziert werden solle. Unmittelbar danach wurden die Menschen über eine Treppe in den Keller geführt, um dort »zu duschen«. Pfle­ge­r*in­nen drängten bis zu 40 Menschen in einen gekachelten Raum, auf der gegenüberliegenden Seite öffnete ein Arzt den Hahn der Kohlenmonoxydflasche und das Gas strömte durch eine umlaufende, gelöcherte Leitung in den Raum. Das Ersticken der Menschen wurde vom Arzt durch ein Schauloch beobachtet, die Leichen anschließend von Hilfskräften herausgezogen und entweder zu den am Ende eines Ganges installierten zwei Krematoriumsöfen oder zu dem Sektionsraum gezogen. Dieser Vorgang fand bis zu zweimal täglich statt. Er sollte »so schnell wie möglich« durchgeführt werden. Die Asche der Ermordeten wurde »in der Gegend verstreut«. Schließlich mussten die zurückgebliebenen Kleidungs- und ggfs. Schmuckstücke erfasst werden, es mussten Sterbeurkunden ausgestellt und Mitteilungen an die Angehörigen über (erfundene) Todesursachen und Hinterlassenschaften geschrieben werden. Dabei wurde genau darauf geachtet, evtl. Nachfragen oder sogar Besuche vor Ort zu vermeiden.

Diese organisierte Ermordung der Kranken fand in der so genannten ersten Phase der »Euthanasie«, der T4- oder Gnadentod-Aktion von Sommer 1939 bis Frühjahr 1941 statt. In Hadamar wurden dabei etwa 10.000 Menschen umgebracht. Bereits vorher starben chronisch psychisch Kranke durch systematische Vernachlässigung und Nahrungsentzug. Die öffentliche Skandalisierung der Krankenmorde durch die berühmten Predigten des Bischofs von Galen in Münster veranlassten Adolf Hitler, das Mordprogramm im Frühjahr 1941 für alle Beteiligten überraschend zu unterbrechen, die entsprechenden administrativen und logistischen Infrastrukturen blieben aber bestehen. In Hadamar wurden die Krematorien jedoch abgebaut und die Gaskammer deinstalliert, weil die weithin sichtbare Rauchsäule ebenfalls zu öffentlicher Beunruhigung geführt hatte. Die Rückschläge im Kriegsverlauf und die Bombardierung deutscher Städte führten zu einem Mehrbedarf an Krankenbetten und in der Folge zur zweiten, so genannten »wilden« Phase der Krankenmorde durch gezieltes Verhungernlassen oder Überdosierung von Medikamenten (Luminal). Auf diese Weise wurden bis 1945 noch etwa 5.000 Menschen in Hadamar ermordet, deren Leichen wurden in anonymen Massengräbern auf dem höher gelegenen Friedhof vergraben.

Aufarbeitung

Die Konfrontation mit den originalen Räumen (der Bus-Schuppen wurde wieder aufgebaut, der Krankensaal beherbergt die jetzige Dauerausstellung, in den Zimmern der Administration und ärztlichen Untersuchung sind jetzt Büro und Tagungsraum, der Keller mit der gekachelten Gaskammer, den Gängen, den Fundamenten der Krematorien und dem Sektionsraum ist zugänglich) hinterlässt einen tiefen, erschütternden Eindruck von konkreter Realität. In den Diskussionen und persönlichen Einlassungen im Laufe des Tages wurde ebenfalls immer wieder spürbar, dass es eine auf unselige Weise nachvollziehbare innere Logik auch und gerade in der Geschichte der modernen Medizin und Ärzteschaft gibt, die diese Vorgänge machbar werden ließ. Die Dokumente machen zusätzlich klar: Es waren »normale« Menschen, die an den verschiedenen Stellen der Ermordung tätig waren (Ärzte, Schwestern und Pfleger, Busfahrer, Verwaltungskräfte) die sich gewiss sein konnten, dass diese Dinge in deren sozialem Kontext zustimmungsfähig waren und geteilt wurden, bis hin zur gemeinsamen Faszination über die Größe und historischen Bedeutung des »Unternehmens«. Und schließlich konfrontieren uns die Dokumente über einige der ermordeten Menschen mit konkreten Lebensgeschichten, familiären Bindungen und Krankheitsschicksalen und mit Gefühlen von Angst, Freude, Glück und Trauer bei den Betroffenen.

In unserer Diskussion ging es auch um die Art und Weise des Gedenkens und Erinnerns an diese Verbrechen. Die Gedenkstätte Hadamar ist dafür ein lehrreiches Beispiel. Der Friedhof und die eingangs erwähnte Stele sind 1964 entstanden, ohne irgendeinen konkreten Hinweis auf die tatsächlichen Geschehnisse. Eine glatte Rasenfläche (»Gras sollte über die Sache wachsen«), abstrakte Steine mit Symbolen der Weltreligionen und die nur allgemein mahnende Stele waren das, was in den 60er Jahren möglich war. Immerhin war diese Gedenkstätte die erste in der Nachkriegsgeschichte überhaupt, die an die Medizinverbrechen erinnert. Martin Niemöller hat in seiner damaligen Ansprache allerdings sehr konkret von der Mitschuld jedes Einzelnen durch Geschehenlassen gesprochen. Ende der 60er und in den 70er Jahren nahmen sich kritische Medizinstudent*innen und später Historiker wie Ernst Klee und Götz Aly der Medizinverbrechen an und thematisierten die Verdrängungshaltung der Nachkriegsöffentlichkeit auch in Justiz und ärztlichen Standesorganisationen. Und erst in Folge der Holocaust-Thematisierung in den 80ern wurde die Kranken-»Euthanasie« des NS schrittweise auch ein (fach-)öffentliches Thema. Erst in der jüngeren Vergangenheit wird der Einbeziehung der Betroffenenperspektive, der konkreten Würdigung der Opfer durch deren Namensnennung und der Barrierefreiheit von Gedenkorten z.B. durch Beschilderung in leichter Sprache (wie bei dem Mahnmal an der Tiergartenstr. 4 in Berlin) mehr Raum gegeben. Gleichzeitig führen aktuelle Diskussionen über Sterbehilfe, Pränataldiagnostik und Genchirurgie (u.v.m.) zu ganz neuen Herausforderungen ethischen Nachdenkens über »lebens(un)wertes Leben«, die uns Tätigen im Gesundheitswesen ein unheimliches Gefühl bescheren. Zwar bleibt der kategoriale Unterschied zur staatlich organisierten und systematisch durchgeführten Massentötung von Menschen im NS bestehen. Die Mahnung der Stele gilt aber weiter und immer wieder.

Dr. med. Andreas Pernice, FA Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Bremen. Geb. 1960, Promotion in Psychiatriegeschichte, Mitglied im vdää seit 1987. Ein Großonkel war SS-Arzt von 1939-1942. Ethik in der Medizin beschäftigt ihn fachlich und persönlich seit der Schulzeit.

 (aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Global Health, 3/2017)


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