GbP 4-2021 Kleinemeier

Solidarität mit kurdischen Geflüchteten im Nord-Irak 

Anke Kleinemeier über eine medizinische Delegation nach Machmur

Im Juli 2021 reisten wir als Delegation (Notfallmediziner, Psychiater und Gynäkologin) in den Nordirak in das Flüchtlingscamp Machmur (kurd.: Mexmûr). Die Delegierten sind Teil einer Gruppe von Ärzt*innen aus Hamburg, die sich seit 3 Jahren mit medizinischen Support für Kurdistan auseinandersetzt. Bei dieser Reise ging es vorrangig um das dortige Gesundheitszentrum, welches durch Fortbildung und Mitarbeit unterstützt wurde. Dabei konnten wir viel über die Bemühungen um den Aufbau demokratischer Strukturen in Kurdistan, aber auch über die Aggressionen des verlängerten Armes des türkischen Staates erfahren.

Das Flüchtlingscamp in Machmur wurde 1998 von der UNHCR errichtet. In den 1990er Jahren flohen ca. 12.000 Kurd*innen aus Nord-Kurdistan. Die Geflüchteten wurden aus dem in Atrush, im Norden der heutigen Autonomen Region Kurdistan (ARK)1, eingerichtete Camp in das Gebiet nahe der Stadt Machmur, mitten in der Wüste des Nord-Irak, vertrieben. Dem voraus gingen eine Reihe politischer Auseinandersetzungen innerhalb der kurdischen Gruppen, als auch mit dem irakischen Staat.

Im Laufe der Jahre haben die Bewohner*innen aus einem Zeltlager eine Kleinstadt aufgebaut. Es wurden feste Häuser gebaut, ein eigenes System von Bewässerung und Abwasserversorgung konnte errichtet werden. Elektrifizierung und Müllabfuhr wurden organisiert. Schulen sowie ein Gesundheitszentrum und mittlerweile auch ein Physiotherapiezentrum und eine zahnärztliche Praxis wurden gegründet. Beeindruckend ist auch, wie viele Bäume und andere Pflanzen in diesem Wüstenfleck gepflanzt wurden. Die Menschen versorgen sich so mit Früchten und Gemüse. Zudem wirken sich die Bepflanzungen positiv auf das lokale Klima aus.

Geschichtliche Eckpunkte

  • 2014 wurde das Camp Machmur vom Islamischen Staat (dort als DAESCH bezeichnet) angegriffen. Die Bevölkerung konnte rechtzeitig evakuiert werden und das Camp gemeinsam von Kämpfer*innen der PKK2 und Perschmerga der KDP3 vollständig verteidigt werden. Dies war eine kurze Phase der Annährung zwischen der KDP und der Campbevölkerung.
  • 2017 wurde ein Referendum der kurdischen Bevölkerung in der gesamten ARK nach Unabhängigkeit vom irakischen Staat mit 87% Zustimmung durchgeführt. Dies wurde von den Akteur*innen in der Region (USA, Türkei, Iran und Irak) als Gefahr eingestuft und die ira­kische Armee besetzte 40% der bisherigen ARK. Dadurch liegt das Camp Machmur heute auf irakischen Staatsgebiet wenige Kilometer entfernt zu der Grenze zur ARK, die dort von der KDP kontrolliert wird. Diese Lage macht das Camp Machmur für mögliche Angriffe des DAESH sehr vulnerabel.
  • 2019: Einreisestopp für Bewohner*innen des Flüchtlingscamps Machmur in den von der KDP kon­trollierten nördlichen Teil der ARK um Erbil (kurd.: Hewlêr), was für die Menschen aus dem Camp den Zugang zu weiterführender Bildung sowie zu stationärer und fachärztlicher Versorgung erschwert.

Gesundheitsversorgung in Zeiten der Isolation

Gerade aufgrund dieser Entwicklung hat das Gesundheitszentrum des Camp Machmur, das wie eine Poliklinik fungiert, eine besondere Bedeutung. Es befindet sich seit 2017 in der Mitte des Camps. Es wurde von einer deutschen NGO (die nicht namentlich genannt werden möchte, da sie ihre Projekte in der Türkei nicht gefährden möchte) ausgestattet und seither durch Spenden unterschiedlicher Organisationen weiter unterstützt. Täglich werden hier zwischen 100 und 200 Menschen ambulant versorgt. Neben dem Raum für allgemeinmedizinische Behandlungen gibt es einen für geburtshilfliche Vorsorge und Geburten, einen weiteren für Ultraschalluntersuchungen. Weiterhin gibt es eine Apotheke, ein Labor und einen Röntgenraum.

In dem Gesundheitszentrum arbeiten hoch motiviert und sehr engagiert angelernte-empirische sowie medizinisch-ausgebildete Gesundheitsarbeiter*innen. Darunter sind drei junge Krankenpflegerinnen und eine Hebamme, die alle eine College-Ausbildung in Erbil hatten. Ihre Ausbildung ist ausgesprochen gut. Derzeit mangelt es, auch durch die derzeitige Isolation, an Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, da die vier auch alle primärmedizinischen Bereiche mit abdecken. Eine der jungen Krankenpflegerinnen hospitierte zur Ultraschall-Ausbildung in einer externen radiologischen Praxis, was sie zur geburtshilflichen und allgemeinmedizinischen Sonographie befähigte.

Der derzeitige Arzt ist erst seit Ende 2020 wieder zurück im Camp, nachdem er in Dohuk sein Medizinstudium absolvierte. Wie lange er in dem Zentrum bleiben wird ist nicht geklärt. Bis Ende 2020 arbeitete eine Laien-Ärztin (die Medizin durch praktische Erfahrung erlernte) im Gesundheitszentrum. Die ambulante Versorgung ist von 12 bis mind. 23 Uhr vor Ort gewährleistet, danach besteht ein Rufdienst. Kurzzeitige intravenöse Behandlungen und Geburten können durchgeführt werden. Bei operativen Maßnahmen, oder weitreichendere medikamentöse Therapien, z.B. Chemotherapie etc., ist eine Verlegung notwendig.

Für die Versorgung im Zentrum muss jede Person einen, auch für dortige Verhältnisse relativ geringen Unkostenbeitrag zahlen. Eine allgemeine Krankenversicherung gibt es im Irak nicht.

Das Gesundheitszentrum erfüllt für das Camp Machmur drei Aufgaben:

  • Eine autonome Gesundheitsversorgung für alle Personen im Camp bedeutet eine Unabhängigkeit von auswärtigen, privaten und teuren Gesundheitsstrukturen. Andererseits gewährleistet das Gesundheitszentrum sprachlich und kulturell einen Ort an den sich die Menschen vertrauensvoll wenden können, der die Primärversorgung zuverlässig abdeckt. Da seit dem Einreiseverbot in die ARK eine medizinische Versorgung in Erbil nicht mehr möglich ist, hat die primäre Versorgung vor Ort einen besonders hohen Stellenwert.
  • Die gesundheitlichen Leistungen im Gesundheitszentrum sind qualitativ so gut, dass es auch Menschen aus der benachbarten Stadt Machmur und entfernteren Orten auf­suchen. Somit ist das Gesundheitszentrum ein Aushängeschild des Flüchtlingscamps und wirkt als vertrauensbildende Maßnahme zwischen den irakischen (kurdisch und arabischen) Staatbürger*innen und der Bevölkerung des Camps. 
  • Die sozial angemessenen, vergleichsweise niedrigen Preise für Gesundheitsleistungen im Zentrum führen dazu, dass Preise für medizinische Leistungen auch in der Umgebung ebenfalls niedrig gehalten werden müssen. Ärzt*innen, die sich in umliegenden Orten privat niederlassen und Gesundheitsleitungen anbieten oder Apotheken, sind gezwungen ihre Preise niedriger anzupassen oder eine Abwanderung ihrer Patient*innen zum Gesundheitszentrum des Camps zu riskieren. Obwohl niedrig, tragen die Preise im Gesundheitszentrum die Kosten der Materialien und ausreichende, adäquate Bezahlung der Gehälter des Gesundheitspersonals.

Die Entscheidungen in Bezug auf Leistungsumfang, Budget und Versorgungsstrukturen werden im Camp Machmur durch die Gesundheitskommission getroffen. Sie besteht aus 50 Mitgliedern aus Gesundheitsberufen und Zivilgesellschaft und ihre Leitung ist geschlechtsparitätisch besetzt. Hierbei wird eine transparente und partizipative demokratische Kultur verankert, die zu einer hohen Akzeptanz der Kommissionsarbeit in der Bevölkerung führt.

2003 wurde in der Gesundheitskommission beschlossen, eine Physiotherapie aufzubauen. Erste Räume wurden hierfür geschaffen und das Team aus drei Physiotherapeut*innen arbeitet seitdem mit Menschen mit verschiedenen Symptomen, vor allem Rückenbeschwerden, Beckenbodenproblematik, aber auch mit verletzten Angehörigen der Camp-Bevölkerung, die zur Wiederherstellung ihres Bewegungssystems eine spezielle Physiotherapie benötigen. Die Erweiterung des Physiotherapiezentrums soll durch Spenden finanziert werden (siehe unten).

2020 entschied die Kommission eine zahnärztliche Versorgung aufzubauen. Zwei Bewohnerinnen aus dem Camp hatten ihre zahnärztliche Ausbildung abgeschlossen und arbeiten nun vor Ort. Mit entsprechenden Spenden konnte eine zahnärztliche Praxis ausgestattet werden, so dass das Camp bezüglich zahnmedizinischen Leistungen nicht mehr von teuren Angeboten aus anderen irakischen Orten abhängig sind.

Herausforderungen und Grenzen

Das Gesundheitszentrum befindet sich weiterhin in Entwicklung, die sich angesichts der politischen Lage sehr schwierig gestaltet. Zwei Bereiche, die im Weiteren abgedeckt werden sollten, sind die operative und die psychosoziale Versorgung. Derzeit müssen alle Patient*innen, die eine kleine oder große operative Versorgung brauchen, in Mosul oder Sulaymanyah versorgt werden (je ca. drei Stunden Autofahrt). Mosul liegt im irakischen Staatsgebiet und Sulaymanyah in dem von der PUK4 (Patriotische Union Kurdistans) kontrolliertem südlichen Teil der ARK. Bis 2019 betrug die Fahrt nach Erbil etwa 45-60 Minuten. Dies gilt auch bei notwendigen fachärztlichen Behandlungen. Das drei Stunden für Krankentransporte bei Notfällen zu lang sind, ist für die KDP-Führung des ARK auch in humanitären Ausnahmefällen kein Anlass, den Einreisestopp auch nur ausnahmsweise aufzuheben. Aus diesem Grund wird überlegt, das Gesundheitszentrum wenigstens um einen Operationsraum für kleinere Eingriffe und ein Geburtszentrum zu erweitern.

Eine psychosoziale Versorgung ist im Camp Machmur derzeit nicht vorhanden. Weder gibt es eine psychiatrische Behandlungsmöglichkeit für psychisch Schwerkranke, noch gibt es eine psychotherapeutische Begleitung, was angesichts der vielen erlebten Traumatisierungen der Camp-Bevölkerung eine Herausforderung ist. Der Umgang mit Traumatisierung wird kollektiv durch die Gemeinde in Form von wöchentlichem Gedenken an die »Märtyrer« (die Gefallenen oder für die Bewegung arbeitenden und verstorbenen Menschen) gestaltet. Dennoch sollte eine psychotherapeutische Begleitung zukünftig aufgebaut werden. Die Notwendigkeit zeigt sich auch in der hohen Zahl an psychisch bedingten Auffälligkeiten in der Versorgung im Gesundheitszentrum, z.B. bei vielen Schmerzsyndromen und dissoziativen Anfällen.

Deutliche Grenzen in der Arbeit des Gesundheitszentrums zeigen sich, auch durch die Isolation bedingt, anhand mangelnder Möglichkeiten für Weiter- und Fortbildungen und Supervision. Hier ist der Ansatz der Unterstützung aus dem Ausland: Wir können in solidarischen Gesundheitsstrukturen in Europa für einen Austausch sorgen, in dem kleinere Gruppen von im Gesundheitssektor tätigen Menschen nach Machmur reisen, um Solidarität zu zeigen und medizinische Fortbildung leisten (die ggf. als Videokonferenz dann später weitergeführt werden können).

Anke Kleinemeier ist Gynäkologin und arbeitet und lebt in Hamburg. 

Verwendete Abkürzungen

  1. ARK: Autonome Region Kurdistans
  2. PKK: Arbeiterpartei Kurdistans
  3. KDP: Demokratische Partei Kurdistans
  4. PUK: Patriotische Union Kurdistans

Spenden für das Physiozentrum im Camp Machmur: Konto der Kurdistanhilfe e.V., IBAN DE40 2005 0550 1049 2227 04 (Haspa), Stichwort: Physiozentrum Machmur 

(Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Entprivatisierung, Demokratisierung, Vergesellschaftung, Nr. 4, Dezember 2021) 


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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