GbP 4-2021 Jakobs

Demokratisierung der Lehre 

Therese Jakobs über den Workshop der Kritischen Medizinstudierenden beim Gesundheitspolitischen Forum 

Wie stellen wir uns demokratische Ärzt*innen überhaupt vor, was ist also das Ideal, zu dem ausgebildet werden sollte? Welche Realität und welche Lücken stehen diesem Ideal gegenüber? Wie können wir handeln, um die Rea­lität in Richtung Ideal zu verändern, also welchen Handlungsbedarf sehen wir? 

Dies waren die Fragestellungen des Workshops mit dem Ziel, nicht nur den Handlungsbedarf sowie Interventionsmöglichkeiten zu identifizieren, sondern auch zu überlegen, wie dies umgesetzt werden kann. Erklärtes Ziel war außerdem, diesen hier begonnenen Austausch fortzusetzen darüber, wie gut die Umsetzung funktioniert. Gegebenenfalls findet sich ein erneutes Forum, die nächste JHV oder ein nächstes Kritis-Treffen. 

Die Debatte hierüber orientierte sich meist entlang der Kernfragen: Was soll verändert werden, wie sehen aktuelle demokratische Gestaltungsmöglichkeiten aus, wie können wir die Gestaltungsmöglichkeiten mehr demokratisieren und was macht hierbei den demokratischen Ansatz überhaupt aus? Im Folgenden möchte ich einen Einblick geben, was unter den Teilnehmenden im Workshop hierzu diskutiert wurde.  

Wo also soll die Veränderung hinführen idealerweise?

Merkmale von idealen demokratischen Ärzt*innnen wurden viele benannt. Zum Beispiel die Fähigkeit, den gesellschaftlichen, sozialen und politischen Kontext mit zu denken. Ob im Kontakt mit Patient*innen, in der Reflektion der eigenen Rolle, der umgebenden Hierarchien und Strukturen, der eigenen Privilegien oder bei der Reflektion von zugrundeliegenden sozialen Determinanten von Gesundheit und Krankheit. 

Darüber hinaus wünschten sich die Teilnehmenden zum Beispiel ein höheres Maß an Interdisziplinarität sowohl innerhalb des medizinischen Sektors aber auch darüber hinaus in dem Sinne, nicht »nur« medizinisch zu denken, sondern auch z.B. politisch, auch psychologisch oder oder oder. Thema war auch der Umgang mit sich selbst physisch wie auch psychisch, eigene Grenzen zu erkennen und zu respektieren, für die eigenen Arbeitsbedingungen einzustehen und sich nicht der Normalisierung von Überlastung und Erschöpfung zu ergeben. Kommunikations- und Konfliktkultur wurde als wichtiges Thema identifiziert, ob gute Gesprächsführung mit Patient*innen oder respektvolle Konflikt- und Fehlerkultur im Team.  

Wie sieht die Realität in der Lehre zumeist aus?

Im Brainstorming zur Problemdefinition zu Beginn fielen bereits einige Themen auf, die nicht nur die Lehre betreffen sondern auch Arbeitsverhältnisse und Klinikstrukturen: fehlende oder veraltete Lehrinhalte, Ressourcenknappheit an Personal und Zeit, Einfluss von Ökonomisierung bis tief in Publikationen, Forschung, Lehrbücher und Leitlinien. In Leitungsebenen verharrender Konservatismus bis hin zum Ignorieren von z.B. moderneren Methoden, neuen gesellschaftlichen Strukturen oder ähnlichem. Nicht zuletzt wurde das fast gänzliche Fehlen von gesellschaftspolitischen Diskursen an Fakultäten beklagt. Viele sahen hier ein fehlendes politisches Bewusstsein und dass ein unpolitisches Selbstverständnis »der Medizin« vorherrsche. Gemeint sind hier das Fach, die wahrgenommene Mehrheit der Mediziner*innen sowie die Fakultäten. Die politische Bildung oder Möglichkeiten zur Politisierung finde im Gegensatz zu anderen Studienfächern jedoch überhaupt nicht an den medizinischen Fakultäten statt. 

Viel diskutiert wurde auch über die Gegensätze der Repräsentation. Ob wir Klassenzugehörigkeiten betrachten, Gender, Herkunft oder andere Merkmale. Ärzt*innen spiegeln aus vielerlei Gründen nicht die Gesamtgesellschaft ab, die Patient*innen schon eher. Wer sind überhaupt die Beteiligten, die die Lehre demokratisieren wollen oder können? Für den Prozess der Demokratisierung brauchen wir notwendigerweise Bildung und vor allem Politisierung. Eine Schlussfolgerung, die im Workshop häufiger gezogen wurde.  

Welche Arten der Gestaltung von Lehre gibt es derzeit?

Vorgestellt wurden je nach Fakultät sehr unterschiedlich stark ausgeprägte Mitgestaltungsmöglichkeiten bei der Studiengangs- und Curriculumsentwicklung. Außerdem gibt es Mitbeteiligungsmöglichkeiten in verschiedenen Gremien und Institutionen wie z.B. den Fachschaften, Fakultätsrat, AstA, Studierendenparlamente, die an den meisten Universitäten unterschiedlich genannt werden. Viel diskutiert wurde über Für und Wider des Gangs in die Institutionen. Einige Teilnehmenden konnten hier jedoch von erfreulichen Erfolgen berichten durch ihr Engagement. Nicht zu vergessen seien auch die finanziellen Einflüsse auf die Lehre, denn auch private Geldgeber finanzieren zu kleineren Teilen manche Fakultäten, teils wohl bis zu 10%. 

Wo sehen wir Handlungsmöglichkeiten durch kritische Medizinstudierende?

Politisierung! Politisierung unserer Umgebung, unserer Mitmenschen und damit demokratische Methoden etablieren, zur Normalität werden lassen. Sowohl auf individueller Ebene zum Beispiel der Studierenden als auch in den vorhandenen Institutionen und Strukturen. 

Dies soll geschehen mit dem Ziel der Repräsentation der Studierendenschaft in den Entscheidungspositionen der Fakultät, um eine tatsächliche Demokratisierung der Lehre besser erreichen zu können. Darüber hinaus kamen Vorschläge auf bereits gesetzlich vorgegebene Anforderungen an universitäre Bildung zu nutzen, um bei Forderungen an die eigene Universität darauf zu verweisen, insbesondere wenn es um fehlende Inhalte geht oder die unzureichende Aktualität der Inhalte. 

Nicht zuletzt haben wir ganz allgemeingültige Empfehlungen diskutiert wie ständiges Hinterfragen, kritisches Mitdenken und Einstehen für die eigene Haltung. Medien wie bestehende Hochschulzeitungen können genutzt werden oder eigene Publikationen mit Ideensammlungen und Strategien können geschrieben werden zur Informationsverbreitung. Vorbilder suchen, selbst Vorbild sein, sich mit Anderen vernetzen und solidarisieren, um Bündnisse zu bilden und für die gemeinsamen Ziele einzustehen, ist nicht nur auf dem Weg zur Demokratisierung von Lehre eine sinnvolle Idee. Diese Prozesse brauchen wir auf dem Weg zu einer Ausbildung von verantwortungsvollen und progressiven Gesundheitsarbeiter*innen nach all un­seren oben genannten Idealvorstellungen. 

Der interaktive Workshop wurde von zwei Aktiven der Berliner Kritischen Mediziner*innen sehr gut vorbereitet und geleitet. Es nahmen 19 Personen teil, die alle derzeit Medizin studieren an verschiedenen Orten in Deutschland. Es entstand eine lebhafte Debatte und ein – wie ich finde – bereichernder Austausch. Vielen Dank dafür an Sandrina und Wesley für die Leitung und Vorbereitung sowie allen Teilnehmenden für euer Interesse und eure Beiträge.

Therese Jakobs ist Ärztin, Mitglied im Vorstand und in der Regionalgruppe Berlin des vdää*.

(Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Entprivatisierung, Demokratisierung, Vergesellschaftung, Nr. 4, Dezember 2021)

 


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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