GbP 1-2017 Editorial

Der Öffentliche Gesundheitsdienst – zwischen Fürsorge und Kontrolle

Der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) spielte in der Wahrnehmung unseres Gesundheitswesens über viele Jahre eine untergeordnete Rolle. Meist wird bereits der Begriff verkürzend verwendet und ausgeblendet, dass zum ÖGD neben den Gesundheitsämtern auf kommunalen Ebene auch die jeweiligen Landesämter für Gesundheit sowie Bundesbehörden wie das Robert-Koch Institut, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, das Paul-Ehrlich-Institut, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte u.a. gehören.

Im Medizinstudium wurden Struktur, Funktionen und gesetzliche Aufgaben des ÖGD praktisch nicht vermittelt. In der Weiterbildung kommt er nicht vor, Ärztinnen und Ärzte des ÖGD werden eher als FeierabendmedizinerInnen belächelt. Trotz der Aufbruchsstimmung in Prävention und Gesundheitsförderung, des Beginns der Epoche von »New Public Health« mit der Ottawa Charta von 1986 blieb Public Health zunächst weiterhin ein Fremdwort für Spezialisten. Nur langsam änderte sich die Sichtweise und es wurde zunehmend deutlich, welch wichtige Rolle das öffentliche Gesundheitswesen in Prävention, Gesundheitsförderung, Infektionsschutz und Umweltmedizin spielt bzw. spielen könnte.

Mit diesem Schwerpunktheft zum ÖGD und Public Health wollen wir Aufgaben und Perspektiven des ÖGD beleuchten. Sabine Schleiermacher beschreibt die Entwicklung des ÖGD und seine zwiespältige Rolle von der Weimarer Republik bis zur Gründung flächendeckender Gesundheitsämter durch die Nazis auf Grundlage des Gesetzes über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens von 1934. Aus den Bemühungen, die sozialen und hygienischen Lebensumstände der Bevölkerung und damit jedes Einzelnen zu verbessern, entwickelte sich der »Wahn vom gesunden Volkskörper« (Donhauser) unter den Nazis. Hauptaufgabe des ÖGD war nun Erb- und Rassenpflege, die Gesundheit des Individuums spielte keine Rolle mehr. Aufgabe der Gesundheitsämter war es, »Minderwertige« und »Fremdrassige« zu identifizieren und den Vollzug des Erbgesundheitsgesetzes in aller Radikalität durchzusetzen. Vielleicht war diese Perversion ärztlicher Ethik Schuld daran, dass »öffentliche Gesundheit« in der BRD über viele Jahre ein Schattendasein führte.

Ein persönliches Erlebnis: Eine der ersten vdää on tour-Reisen führte uns nach Slowenien. In Maribor besichtigten wir ein Gesundheitszentrum und wurden dort über die Betreuung Neugeborener informiert. Die Hebammen beschrieben, dass sie alle Familien von Neugeborenen besuchen und deren Wohnungen inspizieren würden. Es wurden Pflichtimpfungen bei Kindern durchgeführt und die Eltern erhielten Verhaltensmaßregeln. Dies führte in unserer Gruppe zu heftigen Diskussionen. Einige empfanden diese Politik als Einmischung in die persönliche Intimsphäre. Diese Kontroverse machte uns klar, dass Fürsorge oder Kontrolle je nach den Lebensverhältnissen der Zielgruppe eine andere Perspektive hervorrufen können. Ein durchaus dialektisches Verhältnis, denn was für Menschen in vulnerablen sozialen Verhältnissen eine wertvolle Hilfe sein kann, kann gleichzeitig von Menschen mit einem hohen Maß an sozialer Sicherheit und entsprechender Autonomie in ihrer Lebensgestaltung als Einmischung empfunden werden. Der Konflikt zwischen Fürsorge und Kontrolle verdeutlicht sich im gesellschaftlichen Umgang mit HIV-PatientInnen. In zwei Beiträgen in dieser Ausgabe zeigen wir, wie schwierig es war, in den achtziger Jahren eine sinnvolle Betreuung von HIV-PatientInnen in unserem Gesundheitssystem durchzusetzen. Die fürsorgende Position musste sich hier gegen den Kontrollwahn einzelner Politiker (in der Tat meist Männer) durchsetzen, deren extremstes Exemplar der damalige CSU-Mann Peter Gauweiler war. Gauweiler schlug Zwangstests vor sowie, alle HIV-Infizierten und mit ihnen gleich alle »Risikogruppen« wegzusperren. Die beiden Beiträge zeigen, wie es durch persönliches Engagement gelang, nicht nur eine gute Betreuung von HIV-Infizierten sondern durch die »Kölner Linie« eine erfolgreiche und international beachtete HIV-Prävention durchzusetzen. Schließlich zeigt auch die Kontroverse um das neue Prostitutiertenschutzgesetz, wie schwierig die Balance zwischen Fürsorge und Kontrolle ist. Sollen die Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter geschützt werden oder ist Schutz durch Kontrolle nicht möglich?

Natürlich können wir die Rolle des ÖGD nicht umfassend in einem Heft darstellen. Wir möchten aber vermitteln, welche wichtige Funktion der ÖGD in der Gesundheitsfürsorge spielt und in Zukunft spielen wird. Neben brennenden Themen des Infektionsschutzes, wie multiresistente Keime, stehen weiterhin gesundheitspolitische Konzepte aus, mit denen wir den epidemiologisch am meisten brennenden Problemen unserer Zeit begegnen sollen: den kardiovaskulären und anderen chronische Erkrankungen. Multisektorale Ansätze, die im Sinne der Ottawa-Charta verschiedene Politikfelder mit Prävention und Gesundheitsförderung verknüpfen, sind in der BRD kaum existent.

Die Tabelle zur Geschichte des öffentlichen Gesundheitsdienstes und des Wandels seiner Funktionen beschreibt die Entwicklung hin zum modernen New Public Health-Begriff. Der Text zu den Stellungnahmen von Stuckler und McKee zeigt zweierlei: erstens die Schwierigkeit, englische Begrifflichkeiten ins Deutsche zu übersetzen. So haben wir public health mit Gesundheitswesen und nicht mit öffentlichen Gesundheitswesen übersetzt und die public health community sind alle Beschäftigten im Gesundheitswesen und nicht nur die Spezialisten, die sich mit public health beschäftigen. Public health hat in Großbritannien eine andere Tradition als bei uns, vielleicht aufgrund der Tatsache, dass dort das Gesundheitswesen eine öffentliche Tradition hat und daher das gesamte Gesundheitswesen als öffentlich bezeichnet wird. Bei uns hingegen ist public health noch ein Begriff außerhalb der regulären Gesundheitsversorgung. Die beiden Beiträge zeigen aber auch, wie wichtig es ist, als Medizinerin oder Mediziner in der heutigen Zeit politisch Stellung zu beziehen.

Die Bilder dieses Heftes stammen von der Einweihungsfeier der Poliklinik Veddel in Hamburg im Februar 2017. Wir berichteten schon über die Vorgeschichte und Entwicklung dieses Projektes. Auch in Berlin und in anderen Orten gibt es Initiativen zur Gründung ähnlicher Projekte, die der vdää mit großer Aufmerksamkeit und Sympathie verfolgt und unterstützt. Wir wünschen unseren Hamburger FreundInnen viel Erfolg bei ihrer Arbeit in der Poliklinik und unseren LeserInnen Spaß beim Lesen der vorliegenden Ausgabe von »Gesundheit braucht Politik«.

Wulf Dietrich / Thomas Kunkel

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Öffentlicher Gesundheitsdienst, 1/2017)

 


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Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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