GbP 4-2017 Editorial

Erkenntnis aus Widersprüchen entwickeln

Wissen nützt!« – bei einer Zeugnisverleihung prangte dieser optimistische Slogan auf dem T-Shirt eines fröhlichen Abiturienten. Da hatte sich augenscheinlich etwas erhalten von der wilden Begeisterung eines Kindes, das Lesen gelernt und sich mit dieser Fähigkeit nun aufgemacht hat, neue Welten zu erforschen. In Studium und Ausbildung stehen ja Momente befriedigenden oder gar begeisternden Erkenntnisgewinns gegen solche, in denen es sich anfühlt, als müsse man Sägemehl kauen. Menschen aus anderen akademischen Fächern zeigen sich irritiert von einem Medizinstudium, in dem viel gepaukt aber wenig wissenschaftliche Arbeitstechniken gelernt und angewandt werden. Promotionen in der Medizin fehlt es nicht selten an einer wissenschaftlich respektablen Flughöhe. Der Medizin wird oft nachgesagt, ihre Neugier auf die Welt der Wissenschaften sei jenseits ihrer Wagenburg nur gering ausgeprägt.

In der Praxis des Arztberufs verschieben sich die Gewichte dann aus verschiedenen Gründen in der Regel noch weiter weg von einer Wissensaneignung mit kritischer Reflexion hin zu einem routinierten Pragmatismus unterschiedlicher Qualität. In dieser Ausgabe von Gesundheit braucht Politik soll es jedoch einmal nicht um die ebenfalls berechtigte Frage gehen, welche destruktiven Einflüsse ungünstige Arbeitsbedingungen oder Ökonomisierung auf die tägliche ärztliche Berufspraxis haben. Eine höchst kontroverse Diskussion um Homöopathie hat uns dazu bewogen, die Frage einmal grundsätzlicher zu stellen: Was ist Medizin? Über viele Jahrhunderte tradierte und beständig verfeinerte ärztliche Heil»kunst« bzw. kunstfertiges Handwerk? Die Anwendung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse? Gar selbst eine Naturwissenschaft oder doch eher eine Sozial- und Gesellschaftswissenschaft? Oder von allem etwas?

Wir haben uns die Frage gestellt: Aus welchen Quellen schöpfen Ärzt*innen Erkenntnis, gibt es eine einheitliches, umfassendes Konzept einer Erkenntnistheorie der Medizin? Ist Medizin eine Wissenschaft, muss sie eine solche sein? Und wenn sie eine Wissenschaft ist, muss sie dann EINE Wissenschaft sein oder kann es einen »Wissenschaftspluralismus« geben. Was sind die konzeptionellen Unterschiede von »Schul«medizin und alternativen Heilmethoden und wie sieht es in der Praxis damit aus, in der gelebten Wirklichkeit einer Kommerzialisierung von Gesundheitsversorgung?

Mit diesen Fragen befassten wir uns beim gesundheitspolitischen Tag 2017 und es wurde tatsächlich spannend, konzentriert, erkenntnisreich. Wir hoffen, dass die von uns zusammengestellten – zugegeben nicht ganz einfachen – Texte Euch zum Nachdenken bringen, den Blick weiten oder Appe-tit machen auf andere Zugänge zu unserem gemeinsamen Gegenstand: Den Anfang machen der Bericht über die JHV und Texte unserer Referent*innen, sowie ein Text von Heinz-Harald Abholz zur Frage: »Wissen wir, was wir tun?«. Im Anschluss folgt eine scharfe Kritik der Homöopathie von Thomas Kunkel, die auch die politischen Implikationen diskutiert. Michael Janßen stellt uns die Rechts- und Bewilligungslage bzw. Theorie und Praxis bezüglich Cannabis als Medizin vor.

Mit den Texten von Arnd Hofmeister und Volkmar Sigusch begeben wir uns in die relativ abstrakten Gefilde der Erkenntnistheorie oder, wie es Walter Benjamin gesagt hätte, in die »Eiswüste der Abstraktion«. Hofmeister kritisiert den Mangel an (theoretischer) Reflexion in den Gesundheitswissenschaften, der dazu führt, dass ehemals kritische Begriffe längst – und größtenteils unbemerkt von den Sprechenden – vereinnahmt sind vom »Begriffsrepertoire des new capitalism der Gegenwart«. Und er plädiert dafür – wie im folgenden Text Volkmar Sigusch, Begriffe aus Widersprüchen heraus zu entwickeln. Unter Rückgriff auf die kritischen Theorien von Marx und Freud diskutiert Sigusch die Mystifikationen einer Gesellschaft mit kapitalistischer Produktionsweise, die auch vor dem Intimsten nicht Halt machen. Und er zeigt zugleich, dass Kritik der Modus des Erkennens sein muss, wenn man an den Verhältnissen nicht verrückt werden will.

Konkreter, aber nicht weniger interessant wird es, wenn uns Christoph Heintze, Wolfram J. Herrmann und Sabine Gehrke-Beck ein neues Projekt an der Charité vorstellen, das versucht, im Wahlpflichtfach »Kiezmedizin erleben und gestalten « soziale Einflüsse auf Gesundheit und Krankheit für Medizinstudierende praktisch erlebbar zu machen. Eike Sanders beschreibt, dass der – verlorene – Prozess gegen die Gynäkologin Kristina Hänel für die »Lebensschutz«-Bewegung dennoch kein Erfolg war.

Wir wünschen gute Erkenntnisse beim Lesen und entschuldigen uns zugleich, dass wir diese Ausgabe erst mit einiger Verspätung fertigstellen konnten.

Peter Hoffmann / Nadja Rakowitz 

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Wissen wir, was wir tun?, 4/2017)


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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